Ist Kinderbetreuung keine Arbeit? – Eine ernüchternde Bilanz
Am Montag, den 10. August haben rund 1.000 verärgerte und empörte Frauen* am Ballhausplatz ihre Frustration und Empörung über die Aussage von Herrn Bundeskanzler Stocker in kämpferischer und feministischer Stimmung in eine kraftvolle, lautstarke und friedliche Spontandemonstration umgewandelt.
Mit seiner Aussage, dass Kindererziehung keine Arbeit ist und Familie nicht in bezahlter Arbeit zu rechnen ist, hat er sich den Unmut von Frauen* zugezogen. Auch seine nachträgliche Entschuldigung trägt nicht dazu bei, die Herausforderungen und Probleme, vor denen besonders Frauen* stehen, zu beseitigen. Seine Entschuldigung verändert weder Einkommensunterschiede noch Pensionslücken. Sie schafft keine flächendeckende Kinderbetreuung und verteilt auch unbezahlte Sorgearbeit nicht neu.

Herr Stocker hat diese Aussage vier Tage vor dem Equal Pension Day getätigt, dem Tag, ab dem Frauen statistisch gesehen keine Pension mehr erhalten, weil die Pensionslücke zwischen Frauen* und Männern 39,4 % beträgt. Eine Lücke, die im aktiven Erwerbsleben entstanden ist und die größtenteils die Folge von unbezahlter Arbeit oder im hohen Ausmaß von Teilzeitarbeit ist.
Die Lücke ist die Folge davon, dass Frauen* keiner oder nur geringer bezahlter Arbeit nachgehen können, weil die Rahmenbedingungen fehlen. Viele sind gezwungen, trotz guter Ausbildung ihre Erwerbsarbeit aufzugeben oder einzuschränken, weil es eben keinen Kinderbetreuungsplatz gibt, weil es kein öffentliches Verkehrsmittel gibt, mit dem sie einen Arbeitsplatz erreichen, weil es zu wenige institutionelle Pflegemöglichkeiten für nahe Angehörige gibt, weil Betreuungsarbeit noch immer in der Hauptverantwortung von Frauen* liegt. Auch ungleiche Bezahlung trägt leider wesentlich dazu bei, dass nicht nur die Pensionslücke, sondern auch die Lohnlücke so hoch ist.
Die Regierung beklagt den Geburtenrückgang. Gleichzeitig unternimmt sie aber zu wenige Maßnahmen, um den Zugang zu Berufstätigkeit oder eigenständiger, sozialer Absicherung von Frauen* zu gewährleisten.

Es muss dringend an der Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben gearbeitet werden. Der Staat darf die Arbeit von Frauen nicht mehr geringschätzen. Auch bei den Maßnahmen zur Beseitigung der Lohnlücke ist der Staat mit der Blockade der EU-Lohntransparenzrichtlinie säumig.
Fast ein Viertel der Wirtschaftsleistung kommt aus unbezahlter Arbeit. Eine Arbeit, die niemand bezahlt, aber ohne die eine Gesellschaft nicht funktionieren könnte. Grund genug, um zu sagen: „Es reicht“.
Frauen* stellen 51 % der Bevölkerung dar. Frauen* haben das Recht auf ein unabhängiges Leben in jedem Alter. Die Regierung muss handeln, mit moderner und fortschrittlicher Familien- und Frauenpolitik.
Diese Spontandemo wurde vom Aktionsbündnis Frauen*Streiken veranstaltet, das für den 3. Mai 2027 einen österreichweiten Streiktag vorbereitet. 133 Jahre nach dem ersten Frauenstreik organisiert sich ein breites Bündnis, um Österreich gesellschaftspolitisch zu verändern.
Alle Infos und den Kontakt zur Beteiligung auf: www.frauenstreiken.at






(Fotocredit: Bettina Frenzel)